[Eigenes] Der pervers, grosse Fernseher

16.01.10 | Kategorie: diary | 5 Kommentare
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Mal wieder ein etwas persönlicherer Eintrag hier. Ich weiss sie sind selten und weiss Gott ich bin nicht stolz darauf so etwas zu schreiben, aber manchmal muss es sein. Dieser Missbrauch dieses Blogs.

Das aktuelle Thema: Ich werde alt!

Zumindest hat es den Anschein. Oder es ist einfach nur meine Reise durch die Zeit. Ein weiterer Entwicklungsschritt was auch immer.

Zettt wird alt

Nur zur Erklärung wie ich darauf überhaupt komme. Ich bin jetzt knapp 1 Woche hier in London. Wohne in einem Studentenwohnheim(!). Zusammen mit (scheinbar) 5 Milliarden Mädchen/Frauen und ein paar netten Jungs/Männern. Alle so im Alter Anfang bis Mitte 20. Da bin ich etwas abseits mit meinen knapp 30.

Es ist schrecklich manche Uhrzeit. Ich weiss nicht woran es liegt. Einfach nur mein Alter oder mein persönliches ich. Aber diese Kids hier rennen rum, sind laut, machen Lärm, lassen sich mit Alkohol nur so volllaufen. Das sind irgendwie Dinge die mich seit Jahren nicht mehr interessieren!
Bewusst geworden ist mir das gestern Abend. Freitag Abend wohlgemerkt. Ein Abend an dem man sich nunmal traditionell mit Freunden auf ein Bierchen trifft und ein bisschen quatscht. Ich bin daran gewohnt, dass das in einigermassen gesitteter Atmosphäre abläuft. Ein Freund lädt dich beispielsweise zu sich(!!! seine Wohnung, keine WG oder sonstwas, SEINEEE Wohnung) ein. Dort gibt es ein bisschen was zu Essen, ein bisschen tratschen, ein bisschen Süsses und dann gehts los – oder man trifft sich natürlich in der Stadt. Trinkt irgendwo ein gepflegtes Bierchen und zieht dann von dort aus los.
Und das ganze Trara ist jetzt plötzlich weg. Essen wenn dann nur das billigste vom billigsten. Einkaufen ebenfalls – nur das billigste. Kino? Kann man sich nicht leisten, weil das zu teuer ist. Ich meine Hallo??? Ich wohne seit knapp 10 Jahren nicht mehr zuhause. Wenn ich einen Fucking Kinofilm anschauen will, dann mach ich das! Wozu geh ich verdammt nochmal arbeiten? Das ist MEIN Geld mit dem ICH machen kann was ICH will. Der ganze “Luxus” an den ich mich gewöhnt habe scheint auf einmal passé.
Versteht mich bitte nicht falsch. Die Leute mit denen ich hier rumhänge (ein paar wirklich, wirklich nette Mädels) sind sehr nett, aber der Altersunterschied wird mir manchmal schon schmerzlich bewusst.
Wiederum nicht falsch zu verstehen. Aber der Fokus der Interessen ist verschoben. Was interessiert junge Menschen denn? Was hat mich so Anfang 20 interessiert? Lasst uns mal kurz Review passieren lassen:

  • Alkohol, Drogen oder sonst irgendwas. Hauptsache wegschiessen.
  • Party
  • Konzerte
  • Leute kennenlernen
  • Spass haben
  • Rumhängen mit Freunden
  • Was weiss ich

Heute interessieren mich:

  • Konzerte
  • Bildung
  • Web 2.0 – und Leute die damit zu tun haben
  • Geek & Nerdery
  • Arbeit
  • Leute kennenlernen
  • Party
  • Zeit mit Freunden verbringen

Schwarzmalerisch! Ich weiss. Damals mit Anfang 20 haben mich sicher auch noch andere Dinge interessiert die zwischen den genannten Punkten Platz haben. Wie zum Beispiel zocken oder Auto fahren, aber heruntergebrochen dürfte das wohl herauskommen. Die heutigen Interessen sind ebenfalls schwarz gemalt. Natürlich interessiert mich nicht nur Web 2.0, aber der Punkt auf den ich hinausmöchte.
Es macht mir heute mit knapp 30 keinen mehr Spass unkontrolliert irgendwelche Leute kennenzulernen. Vielmehr interessiert es mich Leute kennenzulernen mit den gleichen Interessen – oder total gegensätzlichen. Leute bei denen sich Reibungspunkte oder Gleichheiten identifizieren lassen. Bei denen sich Diskussionen ergeben. Am liebsten aufgrund der gleichen Expertise – des Jobs. Fachliche Diskussionen und solche Dinge. Wie siehst du das? Wie seh ich das? Als ich noch jünger war gingen meine Diskussionen nicht so tiefgründig. Sie waren sehr oberflächlich. Wenn ich ganz ehrlich bin haben mich mit 20 Sex, Drogen und Party interessiert. Mehr als irgendwas andere. Schnell ‘ne gute Nummer schieben, vorher betrunken werden mit viel zu lauter Musik. Das war ein geiles Leben. Es hat mir gefallen, aber genauso wie es mir gefallen hat. Genauso sehr ist es auch vorbei. Ich brauche der Welt nicht mehr zu beweisen, dass ich etwas besonderes bin! Ich bin etwas besonderes! Ich brauche nicht mehr gegen meine Eltern kämpfen! Weil ich mein eigener Mensch bin! Ich brauche nicht mehr mein Ego befriedigen! Weil ich keins mehr haben will!
Ich will mein Leben leben, so wie ich mir das ausgedacht habe. Mit meinen Ideen und meinen Vorstellungen. Kinder, Familie, alt werden, Job, Karriere, Freizeit, Ernährung und ein pervers grosser Fernseher. Ich will essen können was ich will, ich will dahingehen können wo ich will. Und ich will das alleine können! Ich brauche niemanden den ich dahin mitnehmen können muss. Gut, natürlich eine Person schön. Eine Frau, aber die gehört zu diesem Plan mit dazu. Es geht nicht mehr darum der schnellste im Bett zu sein. Es geht darum die Ideen mit jemanden zu teilen, zu verändern, weiterzudenken und Schritt für Schritt umzusetzen, anzupassen wo es nötig ist und konstant daran zu arbeiten. Ein Richtung zu haben auf die es hinauslaufen soll.
Als junger Mensch hatte ich sowas nicht. Es war mir egal wohin ich irgendwann gehe. Irgendwann muss ich wohl sterben und auf dem Weg dort hin kann ich ja wohl ein wenig Spass haben. Dann fing ich an zu studieren, ich zog aus und nicht zuletzt fing ich an mich zu verändern. Bekam Ideen, wurde geschult, hatte keinen Druck mehr von niemand und war mein eigener Herr. Was geschah war, dass ich erwachsen wurde (irgendwie). Und nach dem Studium? Das Forrest Gump Syndrom:

Was? Soweit bin ich gekommen? Das hab ich geschafft?
Dann lass mal sehen wie weit ich noch kommen kann!

Ich hab kein Bock auf daheim rumhocken und mir das Hirn vom TV-Strahler wegätzen zu lassen. Gehirnwindung um Gehirnwindung.
Ich hab kein Bock auf Aldi-Markt-Verkäufer sein. Ich will nicht faul rumhängen und die Zeit passieren lassen. Ich will nicht ein 08-15-Standard-Leben führen. Ich will nicht auf meinem Standard-Hochschul-Wissen rumhocken.

Ich will Ziele haben. Ich will dumme Dinge tun. Ich will hinfallen. Ich will aufstehen. Ich will rumreisen. Ich will lesen. Ich will essen. Ich will Geld verdienen. Ich will Musik machen. Ich will kreativ sein. Ich will unkreativ sein. Ich will Sport machen. Ich will lernen. Ich will mich weiterentwickeln. Ich will ungemütliche Dinge machen. Ich will Spass haben. Ich will, ich will, ich will, i will, i willi, iwilli, willi!
Und denn Willi gibt’s sehr wohl noch! Und der is nen Scheiss gstorba! (Anmerkung: schwäbisches Slang Wort für “gestorben”)

Mann bin ich alt geworden!

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